Erfahrungsbericht

Mental Health Day | Im Gespräch mit @erklaerungsnot

Menschen mit psychischen oder mentalen Erkrankungen sind auch heute noch starker Tabuisierung und Stigmatisierung ausgesetzt. Dabei ist mentale Gesundheit ein Thema, dass statistisch gesehen jede*n von uns direkt oder indirekt betrifft. Denn laut einer aktuellen Studie zeigen jedes Jahr mehr als ein Viertel aller deutschen Erwachsenen Symptome einer psychischen Erkrankung. Das entspricht rund 17,8 Millionen betroffenen Personen. 

Eine psychische Erkrankung wirkt sich zudem nicht nur auf den mentalen und körperlichen Gesundheitszustand der Betroffenen aus, sondern kann Einfluss auf alle Lebensbereiche, wie zum Beispiel Schul- oder Arbeitsleistungen, Beziehungen zu Familie und Freund*innen und die Fähigkeit, sich an der Gemeinschaft zu beteiligen, haben. Infolgedessen beeinflusst mentale Gesundheit also unsere gesamte Gesellschaft.  

Glücklicherweise beschäftigen sich immer mehr Vereine und Initiativen mit dem Thema. Mit unterschiedlichsten Projekten und Kampagnen arbeiten sie daran über psychische Erkrankungen aufzuklären und diese so zu entstigmatisieren. Anlässlich des World Mental Health Days am 10. Oktober haben wir ein Interview mit einer Akteurin – Dinah Berger von @erklaerungsnot –  geführt.


Hallo liebe Dinah. Mentale Gesundheit ist dein Thema. Für alle, die dich noch nicht kennen. Stell dich doch mal kurz vor: Wer bist du? Was machst du? Und wie bist du dazu gekommen?

Ich bin 32 Jahre und studiere nach vielen Berufsjahren in der Wirtschaft, aktuell nochmal Psychologie. Neben dem Studium setze ich mich auf meinem Instagram Account @erklaerungsnot für die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen ein. Die Idee und Motivation stammt aus meiner eigenen Geschichte, denn vor ca. 2 Jahren bin ich in eine schwere Depression gerutscht und befand mich ziemlich oft in Erklärungsnot. Ich musste mich plötzlich gegen viele Vorurteile wehren. Auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass viele Angehörige helfen wollen, aber unsicher sind wie sie dies tun können. Mit meiner Arbeit möchte ich sowohl Vorurteile als auch Berührungsängste abbauen. 


Viele Menschen verbinden mit Gesundheit primär die physische Gesundheit. Wir wissen, dass man Sport treiben, gesund essen und viel schlafen soll, um fit zu bleiben. Wie ist das aber bei der mentalen Gesundheit? Wie würdest du mentale oder psychische Gesundheit definieren und gibt es auch hier eine “Prophylaxe” oder besondere Techniken, um gesund zu bleiben?

Ich kriege oft mit, dass psychische Gesundheit in der Allgemeinheit mit Glücklichsein gleichgesetzt wird. Für mich gehören jedoch alle Emotionen zur psychischen Gesundheit – angenehme Emotionen, genauso wie unangenehme Gefühle. Auch Wut, Angst oder Traurigkeit erfüllen oft wichtige Funktionen in unserem Leben. Psychische Gesundheit bestimmt meiner Meinung nach aber noch viel mehr Bereiche und entscheidet darüber, ob und wie wir unsere Ziele verfolgen und zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen können oder wie wir mit uns selbst umgehen (Stichwort: Selbstfürsorge). All die Beispiele zeigen, dass unsere psychische Gesundheit genauso wichtig ist wie die physische Gesundheit.


Mit deinem Instagram-Channel @erklaerungsnot sensibilisierst du Menschen für psychische Erkrankungen und leistest so einen großen Beitrag, um auf das Thema aufmerksam zu machen und es zu enttabuisieren. Was meinst du – was kann jede*r, auch als “Laie”, darüber hinaus noch tun, um psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren? 

Meiner Meinung nach ist die Sprache eine einfache, aber wichtige Möglichkeit auf die jede*r im Alltag achten kann. Es ist wichtig, dass wir Begriffe, die für psychische Erkrankungen stehen nicht im allgemeinen Sprachgebrauch verwenden. Wer eine Prüfung verpatzt hat, hat folglich kein „Trauma“ erlitten. Wer ein schlechtes Wochenende hatte, ist nicht „depressiv“, sondern wahrscheinlich eher gestresst, traurig oder erschöpft. Die Verwendung der Adjektive vermittelt den Anschein, dass psychische Erkrankungen alltäglich sind und erschwert das Verständnis für Betroffene.


Was würdest du dir für das Thema mentale Gesundheit noch wünschen? 

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass „Mentale Gesundheit“ ein Schulfach wird. Wir lernen als Schüler*innen mathematische Formeln und Grammatik, aber nichts darüber wie wichtig unsere mentale Gesundheit ist, wie wir Emotionen regulieren oder um uns Selbst kümmern können. Das wäre eine wichtige Grundlage von der jede*r Schüler*in im späteren Leben profitieren würde.


Weitere Infos zum Thema mentale Gesundheit

Du möchtest mehr zum Thema mentale Gesundheit erfahren oder dich für die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen engagieren, dann haben wir hier sechs tolle Anlaufstellen für dich:

1 | Jugendnotmail 

JugendNotmail setzt sich für eine vertrauliche und kostenlose Online-Beratung ein, um frühzeitig ein offenes Ohr für junge Menschen zu bieten. Rund 150 ehrenamtlich tätige Fachkräfte beraten zu Themen wie Depressionen, Selbstverletzung, Suizidgedanken, Missbrauch, Mobbing oder Essstörungen.

Du bist Psycholog*in oder Sozialpädagog*in und hast Zeit und Lust JugendNotmail drei bis vier Stunden in der Woche ehrenamtlich in der Online-Beratung zu unterstützen? Dann klick dich mal in das Engagementangebot von JugendNotmail auf vostel.de. 


2 | Lebensmutig – Junge Selbsthilfe 

Im Junge Selbsthilfe Blog erzählen die Autor*innen über ihre Erfahrungen in Selbsthilfegruppen, Herausforderungen im Leben und ihre ganz persönliche Sicht auf Themen wie Anderssein, Gemeinschaft und Inklusion. Reinlesen lohnt sich!


3 | dare2care

Die Initiative dare2care ist die erste Anlaufstelle für psychologische Jugendbildung in Deutschland: Ihre Vision ist eine Gesellschaft, in der jeder Mensch ohne Stigmatisierung in seiner Einzigartigkeit geschätzt und gefördert wird. Dafür bieten sie Workshops für junge Menschen und Schulklassen an. 

Aktuell kannst du die Initiative im Bereich PR und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen und dazu beitragen, dass noch mehr Menschen von dare2care Workshops profitieren können.


4 | Irrsinnig Menschlich e.V. 

Der Verein Irrsinnig Menschlich e.V. begeistert Jugendliche und junge Erwachsene mit Präventionsangeboten zur psychischen Gesundheit, um erste Anzeichen schon früh zu erkennen und dem Thema auch schon in Schule, Ausbildung und Studium ausreichend Raum zu schenken. Mehr Informationen dazu findest du auf der Website.


5 | Mental Health Initiative

Die Mental Health Initiative setzt sich aktiv für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen und gegen deren Stigmatisierung und Ausgrenzung ein. Im Zentrum steht dabei die ganzheitliche Sicht auf den Menschen mit allen individuellen, psychischen, körperlichen und sozialen Aspekten.

Über vostel.de kannst du das Team online bei der Konzeption von Workshops für Schüler*innen zum Thema Mental Health unterstützen und dich bei Interesse auch von Expert*innen zu diesem Thema schulen lassen.  


6 | Aktionsbündnis Seelische Gesundheit 

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative. Zu den über 100 Mitgliedsorganisationen zählen die Selbsthilfeverbände der Betroffenen und Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie viele Verbände aus den Bereichen Psychiatrie, Gesundheitsförderung und Politik. Auf der Website findest du zahlreiche gut aufbereitete Informationen rund um die seelische Gesundheit.


Mehr Tipps und Infos zu freiwilligem Engagement findest du in unserem Freiwilligenguide oder über unsere Social Media Kanäle (Facebook, Instagram, Twitter). Hier halten wir dich über alles Wichtige aus der Engagement-Welt auf dem Laufenden! Also schau gerne auch dort mal vorbei! 


Dinah Berger von @erklaerungsnot  und dein Team von vostel.de

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