Wie viel Armut gibt es in Deutschland?
Obwohl Deutschland im Jahr 2022 laut des Internationalen Währungsfonds (IMF) Platz 20 der reichsten Länder der Welt belegte, ist Armut auch hier ein gravierendes Problem. Um dieses große Thema etwas greifbarer zu machen, werfen wir in diesem Beitrag einen Blick auf die Fragen, was Armut eigentlich bedeutet, welche Gruppen besonders armutsgefährdet sind und was gegen Armut getan werden kann.
- Was ist unter Armut zu verstehen?
- Wann gilt man in Deutschland als arm?
- Aktuelle Zahlen zu Armut in Deutschland
- Was sind die Gründe für Armut in Deutschland?
- Wer ist besonders armutsgefährdet?
- Wie viele Kinder leben in Armut?
- Was macht die Bundesregierung gegen Armut?
- So kannst du dich selbst gegen Armut engagieren
Was ist unter Armut zu verstehen?
Armut bedeutet im Wesentlichen, dass es einen Mangel an Ressourcen gibt, der die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Betroffenen stark beinträchtigt. Es gibt zahlreiche Definitionen von Armut, wobei die Konzepte der absoluten und relativen Armut in der Wissenschaft und Politik am gängigsten sind.
- Absolute Armut bedeutet, dass eine Person unter dem Existenzminimum lebt und es sich nicht einmal leisten kann, ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Zu den Grundbedürfnissen zählen: Nahrung, Kleidung, Wohnraum und Zugang zu medizinischer Versorgung.
- Bei der relativen Armut hingegen wird die finanzielle Situation einer Person im Vergleich zum gesellschaftlichen Umfeld betrachtet. Es werden bei der relativen Armut auch soziale Ungleichheiten berücksichtigt, die sich zum Teil dadurch bemerkbar machen, dass die betroffenen Personen aus monetären Gründen teilweise nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Für die betroffenen Menschen in Deutschland macht sich Armut beispielsweise durch einen schlechteren Zugang zu Bildung, zum Gesundheitswesen und zu Wohnraum bemerkbar.
Wann gilt man in Deutschland als arm?

Es gibt verschiedene Ansätze, um zu ermitteln, wer und wie viele Menschen von Armut betroffen sind. Wir stellen die drei wichtigsten vor.
Messung anhand der Armutsrisikoschwelle
Die meistgenutzte Methode zur Ermittlung der Armut in Deutschland ist die Betrachtung der Armutsrisikoschwelle. Dabei ist festgelegt, dass alle Personen als von Armut gefährdet gelten, die weniger als 60 % des Bundesmedians des Äquivalenteinkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung haben. Laut der der Mikrozensus-Studie zu Einkommen und Lebensbedingungen lag der Schwellenwert in Deutschland im Jahr 2022:
- bei Alleinlebenden bei 15.000 € Netto-Einkommen im Jahr
- bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 31.500 € Netto-Einkommen im Jahr
Das Statistische Bundesamt gibt in seiner Übersicht zudem weitere detaillierte Informationen zu den Vorjahren sowie zur Armutsgefährdungsquote verschiedener Altersgruppen und Geschlechter.
Messung anhand der absoluten Armutsgrenze der Weltbank
Der Ansatz der Weltbank, der vor allem international viel Verwendung findet, hat einen festen US Dollar-Betrag als Richtwert zur Messung von Armut angesetzt. Demnach gilt als extrem arm, wer umgerechnet auf die jeweilige Währung weniger als $2.15 (Kaufkraft) täglich zur Verfügung hat. Im Jahr 2017 führte die Weltbank zudem zwei zusätzliche Armutsgrenzen in Höhe von $3.65 und $6.85 ein, um den Realitäten verschiedener Länder gerecht zu werden (weitere Informationen hier).
Ganzheitliche Betrachtung durch den Human Development Index (HDI)
Der Human Development Index berücksichtigt neben Einkommen auch Bildung, Lebenserwartung und regionale/lokale Armutsschwellen in verschiedenen Ländern.
Er betrachtet den langfristigen Fortschritt der Bevölkerung eines Landes anhand von drei Aspekten:
- Ein langes und gesundes Leben der Menschen
- Zugang zu Wissen
- Ein angemessener Lebensstandard
Der HDI geht damit über die rein monetären Ressourcen hinaus und betrachtet zusätzlich Dinge wie Gesundheitszustand, Wohnsituation oder auch die Möglichkeit persönlicher Entwicklung. Deutschland befindet sich hier mit einem Wert von 0,942 (Maximum = 1) relativ weit oben auf der Skala. Mehr Details und Vergleiche mit anderen Ländern gibt der Human Development Report der Vereinten Nationen.
Aktuelle Zahlen zu Armut in Deutschland

Laut aktueller Daten von Statista aus 2024 waren im Jahr 2022 ungefähr 16,7% der deutschen Bevölkerung (oder ca. 13,9 Millionen Menschen) armutsgefährdet, lagen also unter der Armutsrisikoschwelle von 60% des Bundesmedians der Äquivalenteinkommen.
Als von Armut bedroht zählen darüber hinaus Personen, die von materieller und sozialer Entbehrung betroffen sind oder deren Haushalt eine sehr geringe Erwerbsbeteiligung aufweist. Zählt man diese hinzu, kommen wir laut Statistischem Bundesamt auf 17,3 Millionen Menschen im Jahr 2022.
Mit Blick auf die Bundesländer war laut Statista die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2022 in Bremen mit 28,4 % am höchsten, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 19,5 % und Sachsen-Anhalt mit 19,3 %. 6,1 % der Bevölkerung oder 5,1 Millionen Menschen in Deutschland waren im Jahr 2022 von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass ihre Lebensbedingungen aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln deutlich eingeschränkt waren. Weitere Daten zum Thema findest du im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.
Was sind die Gründe für Armut in Deutschland?
Für Armut gibt es verschiedene Ursachen, die aber häufig mit der sozialen Herkunft einer Person verknüpft sind. So haben Kinder aus sozial schwächeren Familien im Schnitt deutlich schlechtere Startbedingungen und weniger Ressourcen als solche aus bspw. Akademiker*innen-Haushalten.

Die Abhängigkeit der eigenen Entwicklung von der sozialen Herkunft wird dabei als „soziale Mobilität” bezeichnet. Diese ist von Land zu Land unterschiedlich, wie die Übersicht der OECD zeigt. Dabei wird gemessen, wie lange es dauert, bis die Nachkommen einer Familie aus dem untersten Einkommensdezil (unterste 10 Prozent) beim Durchschnittseinkommen angelangt sind. In Deutschland sind das aktuell 6 Generationen, was im Vergleich für eine geringe soziale Mobilität spricht. Hinzu kommen weitere Faktoren wie individuelle Lebensumstände und -ereignisse, Migration und Flucht oder die eigene Familiensituation, die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.
Wer ist besonders armutsgefährdet?
Wie in der Grafik der Bundeszentrale für Politische Bildung zu sehen ist, gibt es in Deutschland bestimmte Bevölkerungsgruppen, die besonders armutsgefährdet sind. Einige von ihnen schauen wir uns hier genauer an.

Wie viele Kinder leben in Armut?

Laut dem Factsheet „Kinder- und Jugendarmut in Deutschland” der Bertelsmann Stiftung war 2021 mehr als jedes fünfte Kind, also fast 3 Millionen Kinder, von Armut bedroht. Besonders hoch ist das Armutsrisiko in Familien mit alleinerziehenden Eltern oder mit mehr als zwei Kindern (siehe Kapitel 5).
Eine Hauptursache ist, dass die finanzielle Situation der Eltern sich ganz direkt auf die Kinder auswirkt. Das bedeutet, dass wenn Eltern im Niedriglohnsektor arbeiten oder auf Sozialleistungen angewiesen sind, bleibt, einfach ausgedrückt, für die Kinder wenig übrig. Sie leiden aufgrund der Einkommensverhältnisse nicht selten unter ungesunder Ernährung, schlechteren Bildungschancen, geringerer sozialer Teilhabe und spüren die Auswirkungen nicht selten ein Leben lang.
Diese Abhängigkeit wird unter anderem auch dadurch verfestigt, dass ein Zuverdienst der Kinder mit den Sozialleistungen der Eltern verrechnet wird. Es lohnte sich daher bisher kaum für sie, einen Nebenjob anzunehmen, da ein monatlicher Zuverdienst über 100 € fast komplett anrechnungspflichtig war. Das hat sich mit der Gesetzesänderung zum 01. Juli 2023 geändert, wonach zusätzliche Einkommen von Schüler*innen, Azubis und Studierenden bis zu 520€ anrechnungsfrei sind (mehr dazu hier).
Laut einer Befragung des Deutschen Kinderhilfswerks von 2023 unter Kindern und Jugendlichen (Alter 10-17 Jahre) liegt eine weitere Hauptursache für das Fortbestehen für Kinderarmut in der fehlenden Unterstützung und Förderung auf dem Bildungsweg.
Was macht die Bundesregierung gegen Armut?
Deutschland ist ein Sozialstaat, das ist im Grundgesetz verankert (GG Artikel 20 und 28). „Das bedeutet, dass sich der Gesetzgeber in der Bundesrepublik auch um soziale Gerechtigkeit und die soziale Sicherheit der Bürger kümmern muss.”, so schreibt es der Deutscher Bundestag. Deshalb gibt es in Deutschland eine Reihe von Maßnahmen, um Armut vorzubeugen oder sie abzufangen.
So kannst du dich selbst gegen Armut engagieren
Neben staatlichen Institutionen engagieren sich auch viele gemeinnützige Organisationen für von Armut gefährdete oder betroffene Personen. Und du kannst sie dabei unterstützen. Zum Beispiel, indem du Kinder und Jugendliche als Mentor*in auf ihrem Bildungsweg begleitest, mit einer Patenschaft Newcomer*innen das Ankommen in Deutschland erleichterst oder dich in Essensausgaben, Kleiderkammern oder Notunterkünften für die Versorgung von bedürftigen Menschen einsetzt.
Auf vostel.de gibt es unzählige Möglichkeiten, wie du dich selbst gegen Armut und für mehr Chancengleichheit in Deutschland engagieren kannst.
Dein Team von vostel.de
wünscht dir viel Erfolg mit deinem Engagement gegen Armut in Deutschland!


ARM UND REICH
Ein reiches Land, das uns umgibt,
hier will man rein, es ist beliebt.
Besonders bei Millionären,
die sich gegen Steuern wehren.
Luxus und Geld im Überfluss,
für die Armen bleibt nur Verdruss.
Armut ist wohl keine Schande,
doch man steht damit am Rande.
Ist das Portemonnaie ständig leer,
hat man’s im Leben doppelt schwer.
Kein Geld für den feinen Braten,
da bleibt nur der Tafelladen.
Die Millionen vom Millionär,
wo kommt der ganze Zaster her?
Kann man soviel Geld verdienen,
wenn man fleißig ist wie Bienen?
Es ist wohl die Marx’sche Lehre,
wonach sich das Geld vermehre.
Vielleicht wär mir’s einfach egal,
wenn nicht in ziemlich großer Zahl
weltweit Kinder hungern müssten.
Das sollte uns doch entrüsten!
UNGERECHTE WELT
Es sagt uns nicht erst der Armutsbericht,
in unser aller Welt stimmt etwas nicht.
Immer reicher werden die Millionäre,
daneben wachsen die Armutsheere.
In düsteren Slums leben Millionen,
während and’re in Palästen wohnen.
Hier im Lande geht die Spaltung weiter,
die vielen Tafeln stimmen nicht heiter.
Wohlstand für alle, muss heißen das Ziel,
Frieden und Freiheit stehen auf dem Spiel.
Rainer Kirmse , Altenburg
Herzliche Grüße aus Thüringen
Vielen Dank für diesen lyrischen Kommentar zum Thema lieber Rainer!