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5 Irrtümer über Corporate Volunteering

Hände mit Glitzer

„Immer mehr Unternehmen unterstützen das soziale Engagement ihrer Mitarbeiter: Das nennt sich „Corporate Volunteering““, meldete die Süddeutsche Zeitung im Oktober 2015. Was in den USA schon längst Selbstverständlichkeit ist, wird nun auch in Deutschland ein Thema in den Führungsetagen: Der unternehmerischen Verantwortung nachkommen, indem die Mitarbeitenden ein bestimmtes Zeitkontingent für ihre Mithilfe in gemeinnützigen Projekten zur Verfügung bekommen. So können sie während der Arbeitszeit in der Flüchtlingsunterkunft, dem Tierheim oder Nachbarschaftsgarten aushelfen. Ob Einsätze von Einzelpersonen, Gruppenengagement (sogenannte „Social Days“) oder fähigkeitsbasiertes Pro-Bono-Engagement, es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Unternehmen in sozialen Projekten aktiv zu werden. Die positiven Effekte von Corporate Volunteering sind bekannt: Soziale Organisationen erhalten Unterstützung durch die Corporate Volunteers, die Mitarbeitenden sammeln neue Erfahrungen und kehren mit hoher Motivation an den Arbeitsplatz zurück, das Unternehmen profitiert von den wertvollen Erlebnissen der Angestellten – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten?

Jein. Denn gut gemeint, ist nicht unbedingt immer gut gemacht. Im Rahmen unserer Arbeit mit sozialen Organisationen, Volunteers und Unternehmen haben wir einige Stolperfallen und Irrtümer auf dem Weg zum wirkungsvollen Corporate Volunteering Programm identifiziert – und ein paar einfache Möglichkeiten, um diese zu umgehen.

Irrtum I: „Umso mehr Mitarbeitende mithelfen, desto besser.“

Nicht selten erreichen uns Anfragen von Unternehmen, die 50 und mehr Mitarbeitende in ein Projekt vermitteln möchten. Dass mehr Menschen nicht zwangsläufig auch mehr Hilfe und Wirkung bedeuten, wird oft nicht bedacht.
Viele Organisationen haben weder die räumlichen noch die personellen Kapazitäten, eine große Personenanzahl aufzunehmen. Große Gruppen bedeuten einen hohen Koordinationsaufwand und so ist es den Verantwortlichen vor Ort häufig kaum noch möglich, ihrem eigentlichen Tagesgeschäft nachzugehen. (Leicht schlägt dann die gut gemeinte Hilfe ins Gegenteil um.)

Unser Tipp: Kleine Gruppen bilden und mehrere Projekte unterstützen. Prinzipiell ist es auch immer von Vorteil, mindestens eine*n Projektverantwortliche*n aus dem eigenen Team zu stellen, der/die schon im Vorfeld Absprachen mit dem Einsatzort trifft und am Tag selbst sein Team mit anleiten kann. Es gibt eine Handvoll sehr erfahrener und kompetenter Partner, die hierbei unterstützen können, wie zum Beispiel Proboneo für Pro-Bono-Engagement, Visioneers im Bereich der Flüchtlingshilfe und wir von vostel für Social Days und Einzelvermittlung von Mitarbeitenden.

Irrtum II: „Unsere Mitarbeitenden sind zum Arbeiten und nicht zum Spaß dabei!“

Leider gibt es auch Unternehmen, die Corporate Volunteering lediglich als Maßnahme zur Image-Verbesserung sehen und die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden nicht in Betracht ziehen. Teambuildende Maßnahmen und Verpflegung werden dann bei der Planung der Corporate Volunteering Aktivität nicht mit eingeplant. Dass hier am falschen Ende gespart wird, zeigt sich spätestens beim Feedback der Teilnehmenden: Niemand hat Lust auf „Arbeitslager“ und ein Snack zwischendurch zur Motivation sollte keinem Arbeitgeber zu teuer sein. Lustlose, hungrige Volunteers bringen für keine soziale Organisation einen Mehrwert.

Unser Tipp: Immer ein Budget für Verpflegung einplanen und bedenken, dass für eine ausgiebige Betreuung und Motivierung der Mitarbeitenden vor Ort zusätzliches Personal (aus den eigenen Reihen oder durch einen externen Partner) nötig ist.

Irrtum III: „Unsere Mitarbeitenden engagieren sich doch schon, warum sollten wir dafür noch zahlen?“

Unternehmen planen zur Weiterentwicklung und Motivation ihrer Angestellten jährliche Budgets für Weiterbildungen, Sprachkurse und Teamausflüge ein. Auch Corporate Volunteering hat in vielen Bereichen einen positiven Einfluss: Personalentwicklung, Retention, Motivation, Corporate Social Responsibility u.v.m… Um diese Effekte tatsächlich zu erreichen und alle Seiten – soziale Organisation, Mitarbeitende und letztlich den Arbeitgeber – zufrieden zu stellen, bedarf es nicht nur eines guten Gespürs für die Bedürfnisse. Der Organisations- und Koordinationsaufwand ist nicht zu unterschätzen, vor allem, wenn nicht alles auf dem Rücken des sozialen Trägers lasten soll und dieser seinem Tagesgeschäft weiter nachgehen kann. Zu den Aufgaben an einem sozialen Tag gehören:

    • Projektentwicklung und -planung
    • Einkauf der Materialien und Verpflegung
    • Vorbereitung der Arbeitsorte
    • Briefing der Teilnehmenden
    • Betreuung der Teilnehmenden vor Ort und Anleitung der Arbeitsgruppen
  • Einholung & Auswertung des Feedbacks

(Der Aufwand, wirkungsvolle Freiwilligenprojekte zu organisieren, ist also nicht zu unterschätzen. Wer erwartet, dass die sozialen Organisationen alles selbst stemmen können, geht das Risiko ein, dass die Hilfe am Ende den Aufwand nicht aufwiegt.)

Unser Tipp: Wenn das Unternehmensengagement eine Wirkung haben soll, kostet das nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Kompetente Partner, die dabei unterstützen können, wurden in Irrtum I bereits gelistet.

Irrtum IV: „Es gibt nur wenige Anmeldungen für unser Corporate Volunteering Angebot. Im Unternehmen besteht wohl kein Interesse daran.“

Viele Unternehmen schreiben lediglich eine Rundmail an alle Mitarbeitende um ihnen mitzuteilen, dass sie sich von nun an während ihrer Arbeitszeit freiwillig engagieren können. Bei rund 600 E-Mails, die Arbeitnehmer monatlich erhalten, ist das leider nicht ausreichend, um Aufmerksamkeit zu erlangen, vor allem bei einem noch unbekannten Thema wie Corporate Volunteering. Gute Werbekampagnen sprechen die Zielgruppe immer über verschiedene Wege an. Außerdem ist es wichtig, regelmäßig auf das Thema aufmerksam zu machen. Es ist nicht die erste Priorität der Angestellten und so müssen sie immer wieder an die Möglichkeit, sich zu engagieren, erinnert werden.

Unser Tipp: Vor Start eines Corporate Volunteering Programms das Interesse der Mitarbeitenden abzufragen spart Zeit und Geld. Eine gut geplante Marketingkampagne über verschiedene Kanäle (z.B. Mailings, Info-Stände, Poster und Flyer, ein Reminder auf dem Bildschirmschoner, …) und in regelmäßigen Abständen (mind. alle 3 Monate) stellt eine hohe Akzeptanz und Teilnahmequote sicher.

Irrtum V: „Wir möchten nächste Woche helfen. Da wird sich ja wohl ein Projekt finden lassen, in dem das klappt.“

Auch, wenn es viele Organisationen gibt, die sich über Unterstützung freuen, benötigt es eine gewisse Vorlauf- und Planungszeit (mind. vier Wochen), um ein Freiwilligenprojekt vorzubereiten. Vor allem, wenn viele Mitarbeitende als Freiwillige dabei sein sollen, müssen genügend Aufgaben vorbereitet und Materialien besorgt werden – und das neben dem eigentlichen Tagesgeschäft.

Unser Tipp: Genügend Zeit für die Organisation und Vorabsprachen einplanen. Flexibel sein bezüglich des Termins (wenigstens zwei Vorschläge machen) und der Zeiten. Wer eine Woche vorher anfragt, muss mit vielen Absagen rechnen. Über ein regelmäßiges, planbares Unternehmensengagement nachdenken. Wenn jede Woche drei Mitarbeitende in der Organisation unterstützen, ist dies in manchen Fällen mehr wert, als wenn es einmal jährlich 50 Leute sind.

Für noch mehr Infos empfehlen wir auch diesen Ratgeber von Phineo.

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