Der vostel Blog – Neuigkeiten, Meinungen und Best Practice zum Thema Volunteering

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Warum schon wenige Stunden soziales Engagement etwas bewirken können – PT II

Eine lachende Frau mit Schal und Mütze in der Natur.

von Gracia Kleijnen

Seit diesem Jahr engagiere ich mich ehrenamtlich in Projekten von vostel.de. Die Freiwilligeneinsätze, an denen ich bisher teilgenommen habe, waren einmalige Aktionen. Es gibt aber auch wiederkehrende Projekte, bei denen man regelmäßig aushelfen kann, wenn es einem gefallen hat. Insgesamt habe ich in diesem Jahr an vier Freiwilligeneinsätzen teilgenommen. In einem früheren Blogartikel habe ich über meine Erfahrungen bei den ersten beiden Einsätzen geschrieben. Nachfolgend berichte ich von den beiden anderen Aktionen.


Hilfstour für obdachlose Menschen
BOH- Lebensmittel verteilen

Unterstützung der Berliner Obdachlosenhilfe – Ausgabe von Lebensmitteln an obdachlose und bedürftige Menschen

Dies ist ein fortlaufendes Projekt der Berliner Obdachlosenhilfe e.V., das immer mittwochs, samstags und sonntags auf einer anderen Route stattfindet (auf vostel.de kann man sich für die einzelnen Schichten anmelden). Einen Tag lang half ich in der Küche aus und verarbeitete große Mengen an Lebensmitteln für die Zubereitung der Mahlzeiten. Im Vorraum wurden derweil Brötchen geschmiert und Kleidungsstücke gepackt. Sowohl der Vorraum als auch die Küche waren voll mit Menschen.

„Das Schöne an diesem Projekt ist, dass wirklich jeder mitmachen kann und willkommen ist. Man darf kommen und gehen, wann man möchte.“

Das Schöne an diesem Projekt ist, dass wirklich jeder mitmachen kann und willkommen ist. Man darf kommen und gehen, wann man möchte. Einige Leute kamen für ein oder zwei Stunden dazu und gingen dann wieder. Andere blieben den ganzen Tag. Im Haus herrschte ein buntes Kommen und Gehen und der Nachmittag verging wie im Flug. Ich war gespannt auf die Hilfstour und die Menschen, die zur Essensausgabe kommen würden.

Es wurden drei Ausgabeorte angefahren. An jedem Ort hatten sich bereits zahlreiche Menschen versammelt, die geduldig Schlange standen, während wir den Transporter ausräumten.

Was mir auffiel war, wie gut die Hilfstour organisiert war. Genau wie in der Küche galt auch hier: Jeder kann kommen und gehen, wann er möchte. Man wird von allen Seiten herzlich willkommen geheißen, erhält eine Einweisung und wird mit den notwendigen Utensilien eingedeckt.

„Als ich die lange Schlange auf dem Alexanderplatz sah, ging mir ein Gedanke durch den Kopf. Wie sehr ich mir wünschte, dass diese Hilfstour überhaupt nicht notwendig wäre.“

Ich erfuhr, dass zwar nicht alle obdachlos sind, vielen aber so wenig Geld zur Verfügung steht, dass sie auf die Mahlzeiten der Hilfstour angewiesen sind. Laut dem Aushang an der Tür der Berliner Obdachlosenhilfe e.V., den ich bei meinem letzten Besuch entdeckt hatte, wurde in den letzten zwei Jahren keine einzige Tour versäumt. Als ich die lange Schlange auf dem Alexanderplatz sah, ging mir ein Gedanke durch den Kopf. Wie sehr ich mir wünschte, dass diese Hilfstour überhaupt nicht notwendig wäre. Bis das der Fall ist, wird die Organisation weiterhin für bedürftige Menschen da sein.


Unterstützung bei einem Buffet für blinde und sehbehinderte Menschen

Im Vorfeld erhielten wir ein Briefing zu den Dos und Don’ts im Umgang mit Menschen, die von einem Sehverlust betroffen sind. Im Anschluss konnten wir Fragen an den DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband) richten und sahen eine Demo zu Führ- und Begleittechniken.

„Während der Einweisung bemerkte ich, dass ich dem Sprecher ständig in die Augen schaute und nickte, obwohl er diese visuellen Gesten nicht sehen konnte.“

Zusätzlich wurde uns eine Übersicht zum richtigen Umgang mit Betroffenen und eine Broschüre mit weiteren Informationen mit nach Hause gegeben. Während der Einweisung bemerkte ich, dass ich dem Sprecher ständig in die Augen schaute und nickte, obwohl er diese visuellen Gesten nicht sehen konnte.

Die Regel Nummer eins lautet: Alles verbalisieren. Möchten man einer blinden Person die Richtung weisen, sollte man z. B. mit dem Ziffernblatt (oder mit Grad-Angaben) arbeiten. Auch sollte man eine blinde Person aus Respekt vor ihrer persönlichen Freiheit nicht unvermittelt berühren. Besser ist es, vorher nachzufragen und Worte zu nutzen.

„Diese Erfahrung hat mir eine ganz neue Welt eröffnet und mir Grundkenntnisse vermittelt, die ich auch in Zukunft anwenden kann, wenn ich einem blinden oder sehbehinderten Menschen begegne.“

Während des Buffets bemerkte ich, dass ich so sehr an visuelle Gesten gewöhnt bin, dass die Umstellung auf eine rein verbale Kommunikation nicht sofort reibungslos klappte. Ich versuchte es so gut ich konnte. Immer wieder nickte ich zustimmend und wartete auf eine Antwort, aber so funktioniert es eben nicht immer! Diese Erfahrung hat mir eine ganz neue Welt eröffnet und mir Grundkenntnisse vermittelt, die ich auch in Zukunft anwenden kann, wenn ich einem blinden oder sehbehinderten Menschen begegne. Sie hat mich auch dazu veranlasst, mir über Barrierefreiheit im Allgemeinen Gedanken zu machen: in öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Essen, aber auch beim Surfen auf Webseiten.


Abschließende Gedanken

Um ganz ehrlich zu sein, habe ich unter anderem deshalb so lange gezögert, mich sozial zu engagieren, weil ich Angst hatte. Angst davor, mit Realitäten konfrontiert zu werden, denen manche Menschen täglich ausgesetzt sind, oder mit Lebensumständen, die nur schwer zu akzeptieren sind. Angst davor, mit dem, was ich bei diesen Einsätzen möglicherweise erleben würde, nicht umgehen zu können. Letztlich war die Vorstellung jedoch viel beängstigender als die Realität.

„Wage dich aus deiner Komfortzone heraus und probiere etwas Neues aus.“

Man hat mit Menschen zu tun. Sie werden dich nicht auffressen. Sie wissen, dass du da bist, um zu helfen. Einige sind dir gegenüber vielleicht offener als andere. Das ist in Ordnung. Sei offen, flexibel, geduldig und gehe ohne Erwartungen an die Sache heran. Dein Einsatz wird gebraucht und geschätzt. Wage dich aus deiner Komfortzone heraus und probiere etwas Neues aus. Das macht dich um eine Erfahrung reicher und vermittelt dir vielleicht etwas, das dir in Zukunft nützlich sein wird. Wer weiß, vielleicht findest du ja unerwartet deine Berufung.

Zum Abschluss

möchte ich denjenigen, die sich zum ersten Mal ehrenamtlich engagieren, einige Tipps mit auf den Weg geben:

  1. Wenn du dich über vostel.de für ein Projekt anmeldest, wird dir ein Briefing zugeschickt. Dieses solltest du unbedingt lesen, da es wichtige Informationen zum Projekt enthält, bei dem du Unterstützung leisten wirst.
  2. Sei pünktlich, damit du die Einführung nicht verpasst, niemand auf dich warten muss und du den Tagesablauf nicht durcheinander bringst.
  3. Sei aufgeschlossen.
  4. Sei flexibel. Falls eine Aktion umgeplant werden muss und du am Ende bei einer anderen Tätigkeit aushilfst, als der, für die du dich angemeldet hast, sei auch dafür offen. Jeder gibt sein Bestes.
  5. Sei geduldig mit den Menschen für die und mit denen du arbeitest.

Alle Freiwilligeneinsätze, an denen ich teilgenommen habe, wurden von vostel.de organisiert, einer Organisation, die es Freiwilligen und Unternehmen ermöglicht, sich wirkungsvoll in gemeinnützigen Projekten in Berlin, Köln und München zu engagieren.

Falls dieser Beitrag dich neugierig gemacht hat, wirf doch mal einen Blick auf die vostel-Website und schau dir die Projekte in deiner Nähe an.

Melde dich an, probier‘ es aus und hab‘ vor allem Spaß!


Gracia ist Wahlberlinerin und absolute Katzennärrin und hat bereits in diversen Städten in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien und China gelebt. Wenn sie nicht gerade Aktivitäten auf ihrer Bucket-List abhakt, unternimmt sie spontane „Bitpacking“-Trips, lernt neue Sprachen oder nimmt Unterricht im örtlichen Tanzstudio.

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